Was passiert wenn wir ein Thema von außen betrachten
Die Gedanken drehen sich im Oberstübchen im Kreis, wie ein Wollknäuel, das sich immer mehr verknotet, statt sich zu entwirren.
Viele Themen haben aber eine Chance auf eine Lösung, wenn wir sie von außen betrachten, oder sie werden zumindest erstmalig sichtbar. Genau dieses „von außen betrachten“ passiert in der Aufstellungsarbeit: Ein Thema, das du vielleicht schon unzählige Male gedanklich gewälzt hast, oder du nicht weißt woher dieses ungute Gefühl kommt, dass dich schon lange quält, wird im Raum sichtbar. Durch Menschen oder Gegenstände, die stellvertretend Position beziehen. Plötzlich zeigt sich eine Dynamik, die mit Worten allein kaum zu fassen war.
In der Lebensmitte begegnet mir das besonders oft: Alte Familienmuster, längst überholte Rollen oder unausgesprochene Konflikte melden sich. Und das nicht auf angenehme Weise, sondern in Form von psychischen oder körperlichen Symptomen. In diesem Beitrag erkläre ich dir, was Aufstellungsarbeit wirklich ist, welche Formen ich anbiete, und welche Rollen es dabei gibt.

Das Wichtigste auf einen Blick
Was ist Aufstellungsarbeit eigentlich?
Aufstellungsarbeit ist ein Sammelbegriff für Methoden, bei denen die Mitglieder eines Systems – Familie, Organisation, Team – räumlich positioniert und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Dadurch werden Muster, Verstrickungen und Dynamiken sichtbar, die im Alltag oft unbewusst bleiben.
Die Wurzeln der Methode reichen fast 100 Jahre zurück: Sie liegen im Psychodrama von Jacob Levy Moreno aus den 1920er-Jahren. Die Familientherapeutin Virginia Satir entwickelte daraus später die Familienskulptur, die als eigentlicher Grundstein der heutigen Aufstellungsarbeit gilt. Bekannt wurde die Methode vor allem durch Bert Hellinger, der sie ab den 1990er-Jahren einem breiten Publikum zugänglich machte, wenn auch auf eine Art, die bis heute kontrovers diskutiert wird. Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd entwickelten mit der Systemischen Strukturaufstellung einen lösungsorientierten Gegenentwurf, der stärker auf Themenvielfalt ausgerichtet ist und nicht nur auf Familienthemen.
Die wichtigsten Begriffe auf einen Blick
Rund um die Aufstellungsarbeit kursieren viele Begriffe, die auf den ersten Blick verwirrend wirken können. Hier erkläre ich dir, was dahintersteckt:
Aufstellung / Systemische Aufstellung: Der Oberbegriff für alle Formate, bei denen Elemente eines Systems räumlich dargestellt werden – ob mit Menschen, Figuren oder Symbolen.
Familienaufstellung: Die bekannteste Form, bei der familiäre Beziehungen und Dynamiken aufgestellt werden. Dies geht auf Bert Hellinger zurück, ist heute aber in vielen weiterentwickelten Formen verbreitet.
Organisationsaufstellung / Teamaufstellung: Dieselbe Methode, angewendet auf berufliche Systeme wie Teams, Unternehmen oder Hierarchien.
Gruppenaufstellung: Eine Aufstellung, bei der echte Personen aus einer Gruppe als Stellvertreter:innen fungieren.
Stellvertreter:in / Repräsentant:in: Eine Person, die in einer Gruppenaufstellung stellvertretend für jemanden oder etwas aus dem System der anliegenbringenden Person einsteht, ohne vorab Informationen darüber zu erhalten.
Einzelsetting: Aufstellungen können auch im Rahmen einer persönlichen Beratung durchgeführt werden, ohne Gruppe und ohne fremde Stellvertreter:innen. Dabei übernehmen Figuren oder sogenannte Bodenanker die Rolle der Stellvertretung. Über dieses Format werde ich in einem eigenen Beitrag noch ausführlich schreiben.
Systembrett: Ein großes, oft drehbares Brett mit (Holzf)Figuren in verschiedenen Formen und Größen. Es wird vor allem im Einzelsetting eingesetzt und ermöglicht tiefe Einblicke in Beziehungsdynamiken. Diskret, und ohne Gruppe.
Bodenanker: Beschriftete Karten, Papierstreifen, Seile etc., die Positionen im Raum markieren. Im Einzelsetting können Klient:innen sich selbst auf einen Bodenanker stellen und die eigene Wahrnehmung an diesem Platz erkunden – ein ganzkörperliches Einspüren in eine Rolle oder Perspektive.
Die Rollen einer Gruppenaufstellung
Wenn du noch nie bei einer Aufstellung dabei warst, klingt vieles davon erst einmal abstrakt. Deshalb schauen wir uns die drei zentralen Rollen genauer an:
Die anliegenbringende Person
Das ist die Person, die ihr Thema mitbringt. Das kann ein Konflikt, eine Blockade, oder eine Frage sein. Gemeinsam bringen wir das Thema auf den Punkt. Anschließend wählt sie aus der Gruppe Menschen aus, die stellvertretend für die relevanten Personen oder Elemente ihres Themas stehen, und positioniert sie intuitiv im Raum.
Die Stellvertreter:innen (auch: Repräsentant:innen)
Sie stellen sich zur Verfügung, um eine Person oder ein Element aus dem System der anliegenbringenden Person zu vertreten – ohne vorheriges Wissen über die Hintergründe. Das Erstaunliche dabei: Sobald jemand an seinen Platz im Raum gestellt wird, entwickelt er oder sie häufig Gefühle, Körperempfindungen oder Impulse, die zur tatsächlich vertretenen Person passen, obwohl keine inhaltlichen Informationen ausgetauscht wurden. Diese Wahrnehmungen geben wertvolle Hinweise auf die Dynamik im System.
Die Aufstellungsleitung
Sie begleitet den Prozess von Beginn an, befragt die Stellvertreter:innen nach ihrem Erleben, beobachtet die Dynamik im Raum und gibt behutsam Impulse oder schlägt Bewegungen, Sätze oder Umstellungen vor. Eine gute Aufstellungsleitung lenkt nicht im Sinne von „richtig“ oder „falsch“, sondern schafft einen sicheren Rahmen, in dem sich das System zeigen kann. Die anliegenbringende Person, beobachtet, dass Geschehen von außerhalb. Am Ende der Aufstellung nimmt sie ihre eigene Position/Rolle ein, um nun die Situation aus dem Zentrum und Ihrer eigenen Position zu betrachten.

Wie läuft eine Gruppenaufstellung konkret ab?
Auch wenn sich der Ablauf je nach Ausbildung und Leitungsstil leicht unterscheidet, folgt eine Gruppenaufstellung meist einer ähnlichen Struktur:
1. Vorgespräch: Wir klären gemeinsam dein Thema und dein Anliegen. Meist reicht das kurz vor der Aufstellung selbst.
2. Auswahl der Elemente: Wir legen fest, welche Personen oder Aspekte deines Systems aufgestellt werden sollen.
3. Positionierung: Du wählst Stellvertreter:innen aus der Gruppe und stellst sie intuitiv im Raum auf.
4. Prozess: Die Stellvertreter:innen werden nach ihren Wahrnehmungen befragt. Es können sich Bewegungen, Blicke oder Sätze ergeben, die die Dynamik im System sichtbar machen.
5. Lösungsschritte: Häufig entwickeln sich im Verlauf neue Positionen oder lösende Sätze, die mehr Stimmigkeit ins Bild bringen.
6. Abschluss: Die Aufstellung wird behutsam beendet, die Stellvertreter:innen treten aus ihren Rollen heraus, sie „entrollen“ sich. Anschießend gibt es Raum für Reflexion, wenn das gewünscht ist. Manchmal ist es auch gut „es“ so stehen und wirken zu lassen. Diese Entscheidung ist individuell.
Was Aufstellungsarbeit für mich persönlich bedeutet
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Erfahrung als Stellvertreterin in einer Aufstellung. Ich war skeptisch, habe immer wieder über Aufstellungen gehört oder gelesen. Mein Respekt war groß, denn ich hatte die Sorge, dass während der Zeit irgendwas passiert, was die die Person die aufstellt überfordert. Ich wusste nichts über die Person, die ich repräsentieren sollte. Ich war sehr nervös. Und tatsächlich wurde ich ausgewählt eine Person zu repräsentieren. Kaum dass ich an meinem Platz im Raum stand, fühlte ich ein Gefühl von Schwere und Distanz, das mir völlig fremd war. Später stellte sich heraus, dass genau dieses Gefühl ziemlich genau zur Realität der vertretenen Person passte. Dieser Moment hat mich nachhaltig beeindruckt, und mein Verständnis davon verändert, wie viel wir auch ohne Worte über Beziehungen wissen können.
Auch später als Anliegenbringerin, habe ich erlebt, wie befreiend es sein kann, ein Thema, das ich gedanklich schon unzählige Male gewälzt hatte, plötzlich von außen zu sehen, im Raum, in den Positionen und Bewegungen der Stellvertreter:innen. Es war, als würde ich endlich verstehen, was ich vorher nur gefühlt, aber nicht greifen konnte.
Diese eigenen Erfahrungen, sowohl in meiner Ausbildung als auch danach, sind ein wichtiger Grund, warum ich Aufstellungsarbeit heute selbst anbiete. Ich kenne sie aus beiden Perspektiven, der leitenden und der erlebenden.
Für welche Themen eignet sich Aufstellungsarbeit?
Aufstellungsarbeit lässt sich auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche anwenden. Typische Anlässe sind:
Familie: wiederkehrende Konflikte, belastete Beziehungen zu Eltern oder Geschwistern
Partnerschaft: Bestimmte Muster, die sich in Beziehungen immer wieder zeigen
Beruf: das eigene Standing im Team, schwierige Beziehungen zu Vorgesetzten oder Kolleg:innen
Lebensübergänge: Orientierung in der Lebensmitte, Loslösung von alten Rollen und/oder Muster
Innere Anteile: innere Konflikte, widersprüchliche Bedürfnisse, körperliche Symptome
Grenzen der Aufstellungsarbeit?
So wertvoll Aufstellungsarbeit sein kann , sie hat auch klare Grenzen. Sie ist nicht geeignet bei schweren psychischen Erkrankungen, akuten Krisen oder Psychosen. Aufstellungsarbeit erfordert eine gewisse psychische Stabilität, da intensive Gefühle ausgelöst werden können. Deshalb ist mir ein sorgfältiges Vorgespräch so wichtig, um gemeinsam mit dir einzuschätzen, ob und in welcher Form Aufstellungsarbeit für dich gerade stimmig ist. Aber keine Sorge, ich begleitet dich bei jedem Prozess und bin auch nach der Aufstellung für dich da.
Drei Impulsfragen für dich
Lass uns ins Gespräch kommen!
Wenn dich das Thema anspricht und du selbst einmal erleben möchtest, was eine Aufstellung in Bewegung bringen kann – als Anliegenbringerin oder zunächst als Stellvertreterin in der Gruppe – freue ich mich, dich auf diesem Weg zu begleiten. In meinen Gruppenaufstellungen schaffe ich einen geschützten, wertschätzenden Rahmen, in dem sich dein Thema zeigen darf. Die Termine für meine Gruppenaufstellungen findest du hier auf meiner Website.
Für eine Aufstellung im Einzelsetting, kannst du gerne einen individuellen Termin mit mir vereinbaren.
Alles Liebe
Angela


