Es gibt Meinungen und Geschichten, die wir über uns glauben, beziehungsweise die wir uns erzählen. Sie sind griffbereit, wie ein Werkzeug, das man ständig braucht. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass wir sie denken oder haben. Das Erstaunliche ist, wie selbstverständlich wir diese für die absolute Wahrheit halten.

In diesem Artikel geht es um genau diese Sätze: um die Geschichten und Meinungen, die uns über uns selbst erzählt wurden und die wir irgendwann übernommen, integriert haben, und sie nun seit vielen Jahren hegen und pflegen wie eine Schatzkiste. Und es geht um die Frage, wie du herausfindest, welche davon eigentlich nie deine waren, und ob in der Schatzkiste wirklich Gold ist oder nur Glasmurmeln.

In meiner Arbeit begegnen mir diese Themen so häufig, dass ich sie fast schon begrüßen möchte wie alte Bekannte. Vielleicht erkennst auch du einen davon wieder.

Sätze die dir vermutlich bekannt vorkommen

Du schaffst das nicht
Du wirst immer Probleme mit deiner Figur haben
Du bist einfach zu empfindlich
Stell dich nicht so an
So bist du halt, du warst schon immer so
Du bist anders
Mathematik ist deine Schwäche
Du bist schüchtern
Eigenlob stinkt
Du kannst nicht mit Geld umgehen
Das Leben ist hart
Im Leben wird dir nichts geschenkt…
Du bist wie deine Mutter/dein Vater
Was glaubst du wer du bist?

… diese Liste würde vermutlich kein Ende finden. Ich habe auch gar kein großes Interesse sie noch weiter auszuführen, denn mir dreht sich schon der Magen um, wenn ich diese Beispiele aufliste und daran denke wie viele Menschen an genau diesen Sätzen seit vielen Jahren knabbern.

Das Muster ist immer dasselbe. Aus einem Verhalten wird eine Eigenschaft. Aus einer Eigenschaft wird eine Identität. Und aus der Identität wird ein Leben, das dazu passt.

Kommt dir einer der Sätze bekannt vor? Oder mehrere? Oder fallen dir gar gerade typische Aussagen ein, die du immer und immer wieder gehört hast? Dann heiße ich dich im Club willkommen. In diesem Club gibt es mehr Mitglieder als du zählen kannst. Die gute Nachricht also vorweg: Du bist nicht alleine!

 

ChatGPT Image 28. Aug. 2026 06 23 01 – Angela Peichl

Manche Geschichten haben nie gestimmt, manche sind längst überholt

Gerade beschäftigt mich in meinem Leben auch einer dieser Sätze. Seit kurzem bin ich Mitglied bei einem Unternehmernetzwerk. Dort darf ich regelmäßig meine Arbeit und meine persönlichen Ziele präsentieren. Und siehe da, plötzlich werde ich unsicher. Ich fühle mich in der Gruppe sehr wohl, und durch meine berufliche Tätigkeit bin ich es gewöhnt vor Menschen, auch vor größeren Gruppen zu sprechen. Ich kenne Lampenfieber also in einem bestimmten Maße. Aber diese Situationen sind anders. Ich merke, es schleichen sich Gedanken ein, die ich nicht bestellt habe und die mich blockieren. Sobald ich aufstehe und mich und meine Arbeit präsentieren will, wird mir heiß und ich bin nervös.

Im ersten Moment mag man diese Gefühle für Lampenfieber halten, aber im zweiten Moment hört man so eine innere Stimme, die einem Glaubenssätze zuflüstert. Was ist hier also der Unterschied? Der Unterschied ist: ich halte keinen Workshop zu einem bestimmten Thema, sondern ich spreche über MICH. Und über MICH wurden mir von anderen Personen, sei es von den Eltern, von den Lehrern, und so weiter in den paar Jahrzehnten, die ich jetzt auf dieser Welt lebe, schon einige Geschichten von MIR erzählt. Ungefragt natürlich. Vermutlich kennst du das.

Hast du dir schon die Zeit genommen dir diese Glaubenssätze auf der Zunge zergehen zu lassen?

Stell dir vor, du hast dir etwas vorgenommen. Eine Weiterbildung, die dich interessiert, oder eine neue berufliche Richtung, die du einschlagen möchtest, oder vielleicht möchtest du dich in der Theatergruppe anmelden, weil das schon immer dein Traum war. Und noch bevor du den ersten Schritt machst, ist er da: „Du schaffst das eh nicht.“

Der Satz fühlt sich nicht an wie eine Meinung. Er fühlt sich an wie eine Diagnose. Und Diagnosen werden meist nicht hinterfragt.

Aber wenn du kurz innehältst und dich fragst: Wer sagt das eigentlich? Wann wurde mir diese Geschichte von mir erzählt, wird es interessant. Denn die Stimme, die da spricht, hat oft einen Tonfall, den wir kennen, denn meistens kennen wir diese Person, die das zu uns gesagt hat.

Meine Empfehlung: Nimm dir Zeit und überprüfe das, was du bisher als eine unumstößliche Wahrheit gesehen hast.

Noch eine „wunderbare Wahrheit“: „Du bist faul. Das war schon in der Schule so.“ Aha, du warst anscheinend in der Schule faul. Was bedeutet „Faulheit“ eigentlich? Doktor Google meint dazu: „Faulheit ist die bewusste oder unbewusste Vermeidung von körperlicher oder geistiger Anstrengung, obwohl man fähig dazu wäre.”

Und nun denk an deine Schulzeit zurück. Was ist damals, als sich diese Meinung über dich gebildet hat, wirklich passiert? Gab es in dieser Zeit ein einschneidendes Erlebnis? Warst du zu dieser Zeit intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigt? Hast du dich in der Schule wohlgefühlt? War der Unterricht interessant? Hast du Spaß gehabt? Haben sich die Lehrer Mühe gegeben den Stoff verständlich zu erklären? Wie wurde damit umgegangen, wenn du etwas nicht gleich „verstanden“ hast? Und wer war dann schuld? Du? Oder der/die Pädagog:in. Lass mich raten….

Was wäre, wenn du zu der Erkenntnis kommst, dass dich die Schule nicht interessiert hat? Dass du dich nicht gut aufgehoben gefühlt hast? Dass du unterfordert warst?

Dann warst du nicht faul!! Du hattest ganz einfach andere Gründe dich so zu verhalten!! Es wurde NUR interpretiert als Faulheit.

Geh nun einen Schritt weiter, und frage dich: bin ich wirklich faul, in meinem Leben, in meinem Alltag? Oder hat es andere Gründe, warum ich etwas vermeide? Merkst du den Unterschied?

Diese Methode funktioniert mit jedem Glaubenssatz

Eine weitere „Wahrheit“: Das Leben ist hart. Das stimmt, aber bei sehr vielen Menschen ist es nicht immer hart. Frage dich ganz ehrlich: Ist mein Leben wirklich immer hart? Wer hat das damals zu mir gesagt? Und in welcher Situation? Stimmt es wirklich, dass mein Leben hart sein muss oder ist? Wo in meinem Leben mache ich es mir schwerer als es sein müsste? Und mache ich das, weil ich denke, dass das Leben hart sein muss? Denn so hast du es gelernt…?

Schreib dir gerne deine „alten Wahrheiten“ auf, überprüfe sie anhand der Fragen und schreibe auch deine „neuen Wahrheiten“ auf.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich bei dir etwas verändert.

Wie aus einem Satz eine Überzeugung wird

Wie konnten diese „Irrtümer“ passieren? Meist entstehen diese Geschichten und Meinungen in unserer Kindheit. In dieser Phase unseres Lebens haben wir keine Möglichkeit, das, was über uns gesagt wird, zu überprüfen. Wir glauben es und halten es für wahr. Wenn jemand in deinem Umfeld, der wichtig für dich ist, sagt „Du bist faul”, wird daraus: „ich bin faul.“

Wir werden erwachsen, hinterfragen nicht, sondern suchen unbewusst nach Bestätigung für das, was wir ohnehin schon glauben. In der Psychologie heißt das „Bestätigungsfehler“. Wir nehmen die Informationen besonders auf, die zu unseren bestehenden Überzeugungen und Vorurteilen passen. Also wird alles, was nicht erledigt wird, aus welchen Gründen auch immer, zu einer Bestätigung deiner „Faulheit“.

Aus Zuschreibung wird eine Identität. Oder anders gesagt: eine Identität, die dir zugeschrieben wurde. Es ist also höchste Zeit das zu überprüfen und dich von diesen falschen Wahrheiten Schicht für Schicht zu befreien. Denn was siehst du, wenn alle diese Schichten weg sind? DICH

Meiner Meinung nach ist das eine unserer Hauptaufgaben in unserem Leben. Uns selbst zu finden unter all diesen Schichten von Zuschreibungen, Erwartungen und Vorurteilen.

Es war bestimmt nicht böse gemeint

Die Menschen in unserem Umfeld, die uns diese Sätze gesagt haben, haben es vermutlich nicht böse gemeint (meistens, aber leider ist auch das nicht immer wahr). ihnen waren und sind die Auswirkungen ihres Handelns nicht bewusst. Meistens sind sie selbst mit Sätzen aufgewachsen, die sie nie hinterfragt haben. Sie haben in einem einzigen Moment ein Verhalten gesehen und daraus eine Eigenschaft gemacht. Das ist menschlich. Leider ist es aber sehr wirksam.

Ist mir das als Mutter auch schon passiert? Ja

Habe ich meinen Kindern Eigenschaften zugeschrieben? Ja

Tu ich es noch? Ja

Ich befürchte, das lässt sich nicht vermeiden, denn wir müssen nun mal eine lange Zeit Entscheidungen für sie und mit ihnen treffen und tragen dafür die Verantwortung.

Was könnten wir aber tun?

Reden. Fehler eingestehen. Korrekturen zulassen, und unsere Kinder dabei unterstützen sich von diesen Wahrheiten zu befreien und die Schichten der Zuschreibungen abzulegen.

Lass uns ins Gespräch kommen

Wenn du beim Lesen an einen bestimmten Satz gedacht hast, dann ist das ein guter Ausgangspunkt. Genau an solchen Stellen arbeite ich in der Beratung gern. Gemeinsam hinschauen, wo dieser Satz herkommt, was der Grund für diese Geschichte ist und wie du deine Geschichte neu schreiben kannst.

Melde dich für ein unverbindliches Erstgespräch. Du musst dafür nichts vorbereiten und nichts schon verstanden haben. Es reicht, wenn du neugierig bist.

Alles Liebe

Angela Peichl

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