Was ist Angst?
“Ich krieche durch die Ritzen und bleibe in den Kleidern hängen, ich verflache das Atmen und verenge den Platz eines Menschen in der Welt. Vor mir, der Angst, haben viele Menschen Angst.”
Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Das ABC der Gefühle“ von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer. Ich habe genau diesen Textanfang gewählt, weil man nicht besser beschreiben kann, wie Angst sich anfühlt.
Angst ist eine natürliche Schutzreaktion deines Körpers auf eine erlebte oder vermutete Gefahr. Sie aktiviert blitzschnell Körper und Geist, damit du auf Bedrohung reagieren kannst – mit Kampf, Flucht oder Erstarren. In gesundem Maß ist Angst also nicht dein Feind, sondern ein kluges, uraltes Warnsystem.
Schwierig wird es, wenn dieses System überempfindlich wird: wenn es Alarm schlägt, obwohl keine echte Gefahr da ist, oder wenn der Alarm nicht mehr aufhört. Genau dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen , und das tun wir hier gemeinsam.
Wenn Angst den Raum enger macht
Angst ist nicht nur ein Gedanke im Kopf. Sie tut körperlich weh. Sie verengt die Brust, legt sich auf den Magen, trocknet den Mund aus. Sie macht die Welt kleiner: Wege, die man früher selbstverständlich gegangen ist, fühlen sich plötzlich bedrohlich an. Situationen, die früher leicht waren, verlangen plötzlich unendlich viel Kraft.
Von außen ist oft gar nicht zu sehen, was in einem Menschen mit starken Angstgefühlen los ist. Und genau deshalb verletzt es so, wenn jemand sagt: „Stell dich nicht so an“ oder „es ist doch alles gut bei dir“. Für die betroffene Person ist etwas dabei. Sehr viel sogar.
Wir alle kennen das Gefühl, wenn uns eine Sorge nicht mehr loslässt. Gedanken kreisen, die Zukunft wirkt bedrohlich. Dann lesen wir noch einen Artikel in der Zeitung, und plötzlich schießt ein heißer Schreck durch den Körper, ganz ohne sichtbaren Grund. Angst ist ein Teil des Menschseins. Doch manchmal wird sie größer, lauter und fordernder, als uns guttut.
In diesem Artikel möchte ich über Angst sprechen, warum sie manchmal aus dem Ruder gerät und was wir tun können, um uns wieder sicher zu fühlen.
Warum so viele Menschen heute mit Angst kämpfen
Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens von Angstgefühlen betroffen. Bei Personen mit Angsterkrankungen, ist eine Steuerung dieser Gefühle nicht, oder nicht mehr möglich. Expert:innen schätzen, dass ca. 16% der Österreicher:innen an einer Angsterkrankung leiden. Frauen sind öfter betroffen. (Medizinische Universität Innsbruck)
Laut Eyssen und Reichenberger (2022) berichtet eine Studie der Donau-Universität in Krems sogar, dass nahezu 23 % der Bevölkerung unter einer Angststörung leiden. Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher ist.
Dr. Marcus Täuber (Neurobiologe) schreibt in seinem Buch: “Aktuell stecken wir in der größten mentalen Krise Gesundheitskrise, die mit wissenschaftlichen Mitteln je gemessen wurde. Tendenz steigend. Federführend sind Ängste unterschiedlichster Ausprägungen”.
Allerdings: Angst gehört zu uns. Sie ist ein uraltes Schutzsystem, das uns vor Gefahr bewahren soll. Ohne Angst wären wir leichtsinnig, würden Risiken übersehen und uns in Situationen bringen, die uns schaden.
Aber dieses System kann zu empfindlich werden. Dann schlägt es Alarm, wo keine akute Gefahr ist. Der Körper reagiert trotzdem: Herzklopfen, flacher Atem, Unruhe, Druck auf der Brust, das Gefühl, flüchten zu müssen – manchmal ohne erkennbaren Grund.
In unserer heutigen Welt ist das kein Wunder! Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, ständig erreichbar zu sein, unter hohem Leistungsdruck zu stehen, schlechte Nachrichten im Minutentakt zu lesen und gleichzeitig im Alltag „funktionieren“ zu müssen. Es ist verständlich, dass unser Körper irgendwann sagt: „Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr.“
Meine eigene Erfahrung mit Angst
Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es mich erwischt. Auch mein Umfeld nicht. Einige Menschen haben nicht verstanden, was mit mir los war, und meinten, es sei doch alles gut. Für mich war nichts gut. In solchen Phasen lernt man sehr genau, wer einen durch dick und dünn begleitet.
Jahrelang habe ich in einem Dauerzustand von Anspannung und Stress gelebt. Warnsignale gab es, doch ich habe sie nicht beachtet. Dann kam die Angst plötzlich, und ich wusste nicht, was mit mir los war. Zum Glück hatte ich eine Freundin, die es schnell erkannt und mir sehr geholfen hat.
Es gab Phasen, in denen die Angst sehr laut war und mitentschied, was ich mir zutraue und was ich schaffen kann. Der Weg heraus bestand aus vielen kleinen Schritten: zB. der Entscheidung, mir Unterstützung zu holen, und dem langsamen Lernen, meinem Körper und meinen Gefühlen wieder zu vertrauen.
Ich schreibe das, weil ich dir sagen möchte: Veränderung ist möglich. Nicht von heute auf morgen und nicht mit einem einzigen „Trick“, sondern Schritt für Schritt.
Will ich jemals wieder so viel Angst haben?
Nein danke!!!
Hat sie mich in meinem Leben weitergebracht? Auf jeden Fall!
Heute achte ich bewusst darauf, ob ich wieder im Hamsterrad laufe oder mir mehr vornehme, als ich schaffen kann. Die Angst lag bei mir nicht nur in den Umständen, sondern auch in meinem Kopf, und dort habe ich oft mehr Einfluss, als ich dachte. Bei einer schweren Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung gilt das allerdings nicht in gleicher Weise.
Begriffserklärung
Schnell sprechen wir von Angst, Panik, Furcht etc., aber wissen wir genau was die Begriffe bedeuten?
Grübeln
Grübeln fühlt sich an wie ein gedankliches Feststecken. Situationen werden hunderte Male durchgespielt (Gedankenkarussell) – ohne Ergebnis, aber mit viel Erschöpfung.
Sorgen
Sie konzentrieren sich auf die Zukunft. Sie beginnen oft mit „Was, wenn…?“ und kommen besonders dann, wenn wir Verantwortung tragen.
Furcht
Furcht gilt einer realen Gefahr (z. B.: der Wanderweg führt recht nah am Abgrund vorbei).
Angst
Angst ist immer in die Zukunft gerichtet. Sie lässt uns abschätzen, ob wir uns in der Zukunft in einer gefährlichen Situation befinden (ein Auto kommt viel zu schnell auf uns zu)
Angststörung, Angsterkrankung
Man spricht von einer Angststörung oder einer Angsterkrankung, wenn die Angstgefühle über einen längeren Zeitraum auftreten, ohne dass wir uns in einer gefährlichen Situation befinden. Das Gehirn malt sich allerhand Horrorszenarien aus, die höchstwahrscheinlich nie eintreffen werden. Nachrichten aus der ganzen Welt wirken plötzlich, als stünden sie schon vor der Haustür. Diese Angstgefühle gehen mit starken körperlichen Symptomen einher, können Konzentrationsprobleme, starke Spannung im Kiefer, Schlafprobleme und vieles mehr verursachen. Wenn diese Gefühle über Wochen den Alltag bestimmen, lohnt sich eine fachliche Abklärung.
Panik(attacke)
Die Angst wird so groß, dass starke körperliche Symptome entstehen, die soweit führen, dass wir das Gefühl haben zu sterben. Immer wieder kommen Menschen ins Krankenhaus, weil sie denken, dass sie einen Herzinfarkt haben. Dabei sind es Panikattacken. Leider werden viele wieder nach Hause geschickt, ohne den Hinweis, dass es auch Panikattacken sein können. Bei Panikattacken hilft die Atmung (länger ein- als ausatmen, im “hier und jetzt” sein – Dinge bennenen die gerade sichtbar sind, Kontakt mit dem Boden spüren etc.
Was in der Beratung bei Angstgefühlen möglich ist
Wenn es um Angst geht, wünschen sich viele eine klare Anleitung: „Was muss ich tun, damit es weggeht?“
So nachvollziehbar dieser Wunsch ist – so ehrlich möchte ich sagen: Es gibt nicht den einen Weg. Es gibt viele verschiedene Methoden und Zugänge, die helfen können. Für manche Menschen sind das körperorientierte Übungen, für andere Gespräche, kreative Ausdrucksformen, Bewegung, Entspannungstechniken, manchmal auch medizinische Unterstützung (diese kann durchaus sinnvoll sein, damit der Körper wieder zur Ruhe kommen kann, bitte unbedingt einen Facharzt aufsuchen).
Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem eines: Du darfst herausfinden, was für dich stimmig ist. Nicht alles, was auf Social Media, in Büchern oder von anderen Menschen empfohlen wird, wird automatisch auch für dich passen. Und das ist in Ordnung.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen, deren Angst laut geworden ist. Manche erleben keine „klassischen“ Panikattacken, spüren aber, dass Sorgen, innere Unruhe und Grübeln immer mehr Platz einnehmen. Andere haben sehr deutliche Angstanfälle erlebt und sind verunsichert, was das für ihr Leben bedeutet.
In der Beratung geht es nicht darum, dich „zu reparieren“, sondern dich zu begleiten: Wir schauen gemeinsam hin, wie sich deine Angst zeigt – ohne sie kleinzureden und ohne sie größer zu machen, als sie ist. Wir erforschen, was dahintersteht: alte Erfahrungen, aktuelle Belastungen, innere Glaubenssätze über dich und die Welt. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie du im Alltag wieder etwas mehr Sicherheit, Handlungsspielraum und Selbstvertrauen erleben kannst – in deinem Tempo.
Mir ist wichtig, dass du dich nicht erklären oder rechtfertigen musst. Angst ist kein Luxusproblem. Und sie ist auch kein Zeichen von Schwäche.
Im Notfall: In Österreich erreichst du die Gesundheitshotline unter 1450, die dich zu passenden Angeboten führen kann. Bei akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge unter 142 rund um die Uhr.
Beratung oder Psychotherapie?
Weil das Thema Angst so eng mit psychischer Gesundheit verbunden ist, taucht oft die Frage auf: „Bin ich bei dir mit meiner Angst richtig – oder bräuchte ich eine Psychotherapie?“
Ich arbeite als psychosoziale Beraterin. Das bedeutet: Ich begleite Menschen in belastenden Lebensphasen, bei Entscheidungen, Krisen, Ängsten, Überforderung und wiederkehrenden Mustern. Wir arbeiten an deinem Erleben, deinen Beziehungen, deinem Alltag und deiner Geschichte – oft sehr tiefgehend.
Psychotherapie ist dann gefragt, wenn eine psychische Erkrankung behandelt werden soll, zum Beispiel eine ausgeprägte Angststörung, schwere Depressionen, Traumafolgestörungen oder wenn dein Leben durch die Symptome massiv eingeschränkt ist.
Mir ist diese Abgrenzung wichtig – und ich nehme sie ernst. Wenn ich im Gespräch den Eindruck bekomme, dass eine psychotherapeutische Behandlung notwendig oder hilfreich wäre, spreche ich das offen an. Ich verstehe das nicht als „Abschieben“, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Begleitung. Genauso begleite ich immer wieder Menschen, die bereits in therapeutischer Behandlung sind – Beratung und Therapie können sich sehr gut ergänzen.
Du musst nicht alles alleine tragen
Vielleicht erkennst du dich in manchen Zeilen wieder. Vielleicht hast du selbst erlebt, wie die Angst den Raum in deinem Leben enger macht. Vielleicht funktionierst du nach außen gut, aber innerlich bist du müde vom Kämpfen. Viele Menschen mit Angst bleiben im Alltag handlungsfähig, auch wenn es sich schwer anfühlt. Entscheidend ist, dass sie Unterstützung haben und nicht allein kämpfen.
Dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht alleine. Und du bist nicht falsch.
Angst erzählt uns oft Geschichten wie: „Nur du bist so“, „Mit dir stimmt etwas nicht“, „Du darfst niemandem zur Last fallen“. Genau diese Geschichten dürfen wir gemeinsam hinterfragen.
Lass uns ins Gespräch kommen!
Alles Liebe
Angela


